Im Porträt

Schulabschluss mit Baby

Jenny bleibt dran

Mit 18 wird Jenny Klatte schwanger. Die Schule hat sie zuvor ohne Hauptschulabschluss abgebrochen, nachdem ihre Mutter die Familie verlassen hatte. Das Jobcenter sagt ihr: Sie müssen was machen. "Da dachte ich, ich gehe als Ein-Euro-Jobberin zur Caritas in die Textilwerkstatt – drei Monate noch, dann hast du Mutterschutz, dann kannst du gehen", sagt sie. Dort hört sie von der Möglichkeit, bei der Caritas den Hauptschulabschluss nachzumachen. Doch wie soll das gehen mit einem Säugling? Der Geburtstermin im Dezember liegt mitten im Schuljahr. Einen Partner, der sie entlastet, hat Jenny nicht. Auch auf Großeltern kann sie nicht zurückgreifen. Ihre Mutter wohnt weit weg. Ihr Vater, bei dem sie und ihre 20-jährige, ebenfalls alleinerziehende Schwester wohnen, lebt von Hartz IV und ist "keine Hilfe". Eine Tagesmutter wird sie sich kaum leisten können: Ihr Geld bezieht sie vom Jobcenter. Vom Jugendamt kommt der Unterhaltsvorschuss - aber nur, bis das Kind zwölf Jahre alt ist. 

Mutter mit Kleinkind in der Schule sitzendDie alleinerziehende Jenny Klatte beißt sich durch. Sie und ihre Tochter Celine schaffen's mit Ausdauer und Hilfe.Cordula Spangenberg

Alleinerziehend = arm?

In jeder fünften Familie in Deutschland lebt ein Elternteil mit Kind(ern) allein. 40 Prozent der Alleinerziehenden erhalten Grundsicherung. Fast jedes zweite Kind, das von Armut bedroht ist, wächst bei nur einem Elternteil auf. Das liegt meistens daran, dass besonders Alleinerziehende unter den mangelnden Betreuungsmöglichkeiten leiden und nur eingeschränkt arbeiten können – auch wenn ihnen ihre Eigenständigkeit und eine Arbeit besonders wichtig sind (89 Prozent). Gut zwei Drittel der alleinerziehenden Frauen mit Kindern unter 18 Jahren gehen arbeiten, verdienen aber oft genug in frauentypischen Berufen nicht sehr viel. Allerdings sind die meisten Frauen stolz auf ihre Leistung und blicken optimistisch in die Zukunft – auch im Hinblick auf eine neue Partnerschaft. Die Zahlen geben ihnen recht: Für viele dieser Kinder und Jugendlichen ist die Armut nur vorübergehend, weil sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder in einem Paarhaushalt leben. Betrachtet über einen Zeitraum von drei Jahren verlassen zwei Drittel der Kinder wieder den Bereich der Armut.

Ohne unbürokratische Hilfe geht nichts

Trotz der Probleme bleibt Jenny dran. Dass der Schulabschluss nicht am Kind scheitern soll, entscheidet kurzerhand Andrea Reiners vom Schulprojekt "Querschnitt" der Düsseldorfer Caritas. Sie bereitet zusammen mit ihrem Kollegen die jungen Menschen in einem Jahr auf den Hauptschulabschluss vor. Ein Babybett wird vom angegliederten Caritas-Kaufhaus organisiert, Erstausstattung inklusive. Andrea Reiners Büro wird zur Säuglingsstation. Am 28. Dezember 2011 kommt die kleine Celine zur Welt. Von nun an schläft neben dem Unterrichtsraum ein Baby. Doch dabei bleibt es nicht. Jennys Schwester Melanie, Mutter eines Säuglings, steigt auch ins Hauptschulprojekt ein. "Wo ein Kind schlafen kann, können das auch zwei", finden Andrea Reiners, ihr Chef und die Klasse.Alleinerziehende, stellt der 11. Familienreport fest, sind froh um die Hilfe von Freunden, Nachbarn, Verwandten. Jenny und Melanie Klatte haben dieses soziale Umfeld nicht. Die Kinder betreuen sie allein. Im Februar und März 2012 wird auch noch das Geld knapp, weil die Arge die beiden Schwestern jeweils noch nicht als Bedarfsgemeinschaft eingestuft hat. Mit ihren zwei Kindern leben sie im ehemaligen Kinderzimmer beim Vater – zu viert. Andrea Reiners geht los und sammelt Spenden. Die Caritas ersetzt den beiden das soziale Netz. 

Auch wenn Jenny Klattes Situation als Alleinerziehende sich in fast allem von der Vater-Mutter-Kind-Familie unterscheidet – eines hat sie mit ihnen gemeinsam: Sie steht besonders häufig unter Zeitdruck. Zwei Drittel der Väter, ebenso viele Mütter in Doppelverdiener-Haushalten und erwerbstätige Alleinerziehende finden, dass sie nicht genug Zeit für ihre Kinder haben. Die Kinder sehen das übrigens genauso.

"Schule finde ich grauenhaft, aber hier ist das anders"

Viel Zeit zum Lernen oder für Freunde bleibt den Schwestern nicht. Doch sie halten durch. "Schule ist für mich was Grauenhaftes, aber hier ist das anders. Die Lehrer sind klasse", sagt Jenny. Bestärkt vom Zutrauen, das sie erfahren, fehlen sie so gut wie nie im Unterricht. Im Juni 2012 bestehen sie ihren Abschluss – Jenny als Klassenbeste mit Note 1,6. Ausbildung oder weiter Schule, ein Kita-Platz, eine eigene Wohnung stehen jetzt an. Der Weg bleibt steinig, doch Jenny Klatte ist optimistisch: "Ich möchte meinen Realschulabschluss machen und dann vielleicht eine Ausbildung als operationstechnische Assistentin." Andrea Reiners bemüht sich mit ihr nun um ein Praktikum, Melanie Klatte sucht eine Lehrstelle in der Altenpflege. 83 Prozent der Alleinerziehenden wünschen sich wieder einen Partner. So auch Jenny Klatte: "Ein zweites Kind kann ich mir in ein paar Jahren vorstellen – aber diesmal mit dem richtigen Mann dazu."  

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