Interview

Corona trifft Kurkliniken

„Ich weiß nicht, ob es uns nach dieser Krise noch geben wird“

Was bedeutet der Einbruch des Coronavirus in Deutschland für die Klinik, die Sie leiten?

Einerseits sind wir gefühlt eine der letzten Bastionen an Normalität. Bei uns wird bis zum Wochenende noch die aktuelle Kur, die am 10. März angefangen hat, zu Ende durchgeführt. 24 Mütter mit ihren Kindern, die meisten im Grundschulalter, sind noch da. Wir haben natürlich das Programm angepasst, es gibt keine gemeinsamen Aktivitäten mehr, wie Walking am Strand oder Kindergruppen. Aber irgendwie geht es trotzdem wie gewohnt weiter. Und das, obwohl die Stadt völlig ausgestorben ist: Der Strand ist leer, die Hotels sind zu, die meisten Geschäfte auch. Wir fühlen uns ein bisschen wie auf einer Insel, auch weil uns das Virus bisher erspart geblieben ist.

Seit letzter Woche wissen wir aber, dass wir bis vorerst zum 19. April keine neuen Patientinnen aufnehmen können. Die nächste Kur, die direkt am 31. März hätte anfangen sollen, ist also abgesagt. Wie es danach weitergeht ist noch unklar. Nächste Woche muss das Haus schließen.  

Eingang einer Kurklinik von außenCaritas Mecklenburg

Was heißt das für die Patientinnen und ihre Kinder?    

Um die tut es mir besonders leid, denn ich weiß, wie lange die meisten Mütter auf die Zusage für eine solche Kur warten und wie die Aussicht darauf ihnen Mut und Kraft gibt. Wir behandeln hier Mütter, viele von ihnen alleinerziehend, die an Erschöpfung leiden. Nicht wenige sind in einer "Sandwich"-Situation: Sie erziehen ihre Kinder und pflegen gleichzeitig ältere Angehörige, was extrem belastend ist. Ich musste jetzt alle, die nächste Woche hätten kommen sollen, anschreiben und informieren, dass die Kur nicht stattfindet. Das war ganz schlimm.

Und welche Folgen hat es für Ihre Mitarbeitenden? 

Hier sind 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, sie werden auf Kurzarbeit gesetzt. Denn die Klinik bekommt, sobald sie keine Patientinnen mehr versorgt, kein Geld von den Krankenkassen, kann also die Gehälter nicht weiterzahlen. Der Hausmeister reduziert seine Arbeitsstunden und zieht in die Klinik, um hier eine Präsenz aufrechtzuerhalten. Er wird einige Zimmer beleuchten, so dass es so aussieht, als wäre hier ein bisschen Leben - sonst ist das wirklich zu traurig. Das Kurzarbeitergeld beträgt für alle 60 bis 70 Prozent ihres Gehalts, unser Dienstgeber, die Caritas Hamburg, stockt das zwei Monate lang um zehn Prozent auf. Das wird für viele aber trotzdem sehr eng.

Wie lange kann die Klinik fortbestehen, wenn sie keine Kuren anbieten kann?

Auch wenn die Gehälter nun vom Staat übernommen werden: Viele Fixkosten trägt die Klinik noch selbst. Einen finanziellen Puffer haben wir aber nicht, dafür sind die Vergütungssätze, die wir von den Krankenkassen bekommen, doch zu knapp kalkuliert. Konkret heißt das: Wenn wir zwei Monate aussetzen müssen, dann würde ich sagen, stehen wir das durch. Wenn es in den Sommer geht, überlebt die Klinik das nicht.

Sofern nicht was passiert, zum Beispiel eine Unterstützung durch den Staat, weiß ich wirklich nicht, ob es uns nach dieser Coronakrise noch geben wird - uns als Einrichtung und überhaupt uns als Zweig, der gesamte Mutter-Kind-Kur-Bereich, denn den anderen Einrichtungen geht es ja ähnlich. 

Dabei steigt der Bedarf an Kuren tendenziell, ist es nicht so?

Der Bedarf ist riesig. Wir wären jetzt bis zum Ende des Jahres ausgebucht, überall ist die Nachfrage enorm. Ich bin zudem fest davon überzeugt, dass diese Zeit der sozialen Isolation die Not einiger Familien und den Bedarf an Unterstützung sehr stark ansteigen lassen wird.

Die Familien sind jetzt wochenlang zu Hause, auf engstem Raum. Viele Eltern wissen gar nicht, wie das geht, die Kinder tagsüber beschäftigen, ihnen vorlesen, für viele ist diese Situation eine riesige Belastung. Möglicherweise haben wir nach der Coronakrise eine Situation mit erhöhter Nachfrage nach Kuren - und keine Kliniken mehr, die sie durchführen können. Das wäre für alle Familien, die auf uns angewiesen sind, eine Katastrophe.