Interview

Kontaktverbote in Kitas

„Den Kindern das Gefühl geben, dass von ihnen keine Gefahr ausgeht“

Monika Dankelmann im PorträtMonika Dankelmann leitet die Kita des Caritasverbandes für das Erzbistum Hamburg in Hamburg-Rahlstedt.Caritas im Norden / Michael Kottmeier

Frau Dankelmann, hat Ihre Kita in der Corona-Zeit weiter Kinder betreut?

Unsere Kita hatte die ganze Zeit auf. Wir haben eine Notbetreuung angeboten für alle, die es nötig hatten. Die gesetzlichen Vorgaben sahen für die Notbetreuung  bestimmte Berufe oder Familienkonstellationen vor.  Wir haben von Anfang an den Bedarf aller Eltern in den Blick genommen. Dafür waren wir die ganze Zeit im Gespräch mit den Eltern. Wenn ihre Möglichkeiten und ihre Kraft erschöpft waren, haben wir ihnen die Möglichkeit der Inanspruchnahme der Notbetreuung gegeben, egal, ob ihre beruflichen Tätigkeiten systemrelevant waren oder nicht. In den ersten Wochen hatten wir fünf bis sechs Kinder, das ist dann schnell auf zehn gestiegen und wurde beständig immer mehr.

Sicherheitsabstände und Kontaktverbote in einer Kita – geht das?

Unsere fünf Gruppen sind voneinander strikt getrennt, sie nutzen auch das Außengelände zu unterschiedlichen Zeiten oder räumlich voneinander getrennte Bereiche. Die Eltern dürfen das Gebäude nicht betreten, die Mitarbeitenden beachten die Abstandregeln – soweit es möglich ist. Erst seit letzter Woche dürfen die Kinder aus den verschiedenen Gruppen in den sogenannten Randzeiten, also früh morgens und im Spätdienst, als neue feste Gruppe betreut werden, vorher ging auch das nicht. Bis dahin haben die Erzieherinnen konsequent nur eine Gruppe betreut und mussten auch eine Art Quarantäne einhalten, bevor sie bei Bedarf in eine andere Gruppe wechseln durften. Das hat das Erstellen der Dienstpläne natürlich nicht einfach gemacht! Jetzt ist es ein bisschen lockerer.


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Und was ist mit den Kindern?

Was nicht geht und wir auch nicht wollen, ist, dass die Kinder Abstand halten. Sie waschen sich morgens, wenn sie in die Kita kommen, gründlich die Hände und auch tagsüber wird dieser Vorgang zu einem selbstverständlichen Ritual eingeübt. Auch wird jedes Kind sehr dazu angehalten, beispielsweise nur vom eigenen Teller zu essen. Aber wir hindern sie nicht daran, miteinander zu spielen und sich nahe zu kommen, weil das einfach einem natürlichen Bedürfnis entspricht. Wir haben uns die ganze Zeit bemüht, den Kindern das Gefühl zu geben, dass von ihnen keine Gefahr ausgeht. Wir wollten und wollen einen Alltag anbieten, der so normal ist wie möglich.

Können denn die Mitarbeitenden alle im Einsatz sein?   

Arbeitgeber sind in dieser besonderen Zeit dazu aufgerufen, im Gespräch miteinander kreative Arbeitsmöglichkeiten und individuelle Lösungen zu finden. Ich habe versucht, die Situation aller zu berücksichtigen: Einige mussten zu Hause ihre Kinder beschulen, andere hatten Angst vor einer Infektion, weil sie nicht riskieren wollten, Angehörige anzustecken, oder sie selbst zur Risikogruppe gehören. Unter dem Strich haben aber alle gearbeitet. Nicht alle haben die Kinder betreut, aber es gibt auch genug zu tun, was sonst auf der Strecke bleibt: Räume gründlich sauber machen, Spielzeug überprüfen, den Bücherschrank neu sortieren zum Beispiel. Oder administrative Tätigkeiten, die einige im Homeoffice erledigt haben.

Alle wollten und wollen in ihrem eigentlichen Bereich – mit den Kindern und Eltern – arbeiten, Risikogruppe hin oder her. Manchmal träumt man ja, in Zeiten ohne Corona, vom Homeoffice, von weniger Kinderlärm und Lautstärke. Doch die, die es erlebt haben, sehnten sich sehr bald nach der Realität, und vor allem wurden die Beziehungen zu den Kindern wirklich vermisst.

Stichwort Kontakt: Wie stellt man sicher, dass die Kinder, die lange nicht da waren, den Anschluss an die Kita nicht verlieren?

Viele Kitas haben zum Beispiel die Möglichkeiten der digitalen Kontakthaltung, etwa über Instagram, genutzt. Wir haben uns im Team dazu entschieden, verstärkt und regelmäßig mit den Eltern und Kindern zu telefonieren. Wenn Kinder Geburtstag hatten, sind die Bezugserzieherinnen zu ihnen nach Haus gefahren und haben Geburtstagsgeschenke vorbei gebracht – natürlich auf Abstand. Diese wiederholten Begegnungen waren sehr emotional. Die Kinder sind mit Materialien für die Vorschularbeit versorgt worden, Postkartenaktionen sind gestartet worden – und vieles mehr.

Fotos KiTa Bremen Caritas-Jahreskampagne 2019Wo eine Kita ist, ist Leben in der Bude. In Hamburg-Rahlstedt schloss die Kita auch in der intensivsten Phase der Corona-Pandemie nicht ganz ihre Pforten.Deutscher Caritasverband e.V. / Fotograf: Rafael Heygster

Wir hatten Sorge, dass das, was wir machen, nicht ausreichen würde oder nicht das ist, was Kinder und Eltern auch wirklich brauchen. Aber es stellte sich heraus, dass die Beziehungen zwischen allen Beteiligten in den letzten Monaten gestärkt wurden und das Vertrauen zueinander noch mehr gewachsen ist - auch, wenn es auf Entfernung war.

Welche Bilanz ziehen Sie aus der Corona-Zeit?

Insgesamt war diese Zeit schon sehr anstrengend, weil alles für jeden neu war, alles wurde zum ersten Mal gedacht und gemacht.  Alle Befindlichkeiten - ob von Kindern oder auch die der Erwachsenen - sind mental und verbal begleitet worden. Ich habe in meinem Leben noch nie so viel gesprochen wie in den letzten Wochen!

Der Umgang mit dieser Krise hat vor allem uns im Team miteinander wachsen lassen. Jeder lernte sich selbst in all seinen Facetten – mit Ängsten und Sorgen – kennen, um in anderen Momenten auch mal über sich hinauszuwachsen. Die Erfahrungen  haben uns zusammen geschweißt! Das heißt aber nicht, dass die Coronakrise noch länger dauern sollte…

Das Interview führten wir am 11. Juni 2020. In Hamburger Kitas können seit August Kinder wieder ohne zeitliche Beschränkung betreut werden, die Maskenpflicht wurde auch gelockert. Weitere Informationen zur Situation in den Hamburger Kitas erhalten Sie bei der Stadt Hamburg: https://www.hamburg.de/infos-fuer-kitas/13659188/coronavirus/